Zukunfts-Thread XV

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Phil
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Zukunfts-Thread XV

from Phil on 05/01/2017 01:20 AM

Hier können Plays geschrieben werden, die in der Zukunft stattfinden.

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Simon
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Re: Zukunfts-Thread XV

from Simon on 05/01/2017 01:31 AM

Wer? Adhemon!
Wann? Irgendein beliebiger Abend in ihrer kommenden, beruflichen Karriere!
Was? Wir kommen zu ernsteren Themen (& Gifs!)



(Nein, es gibt absolut keine ernsten Gifs von ihm :'D) 

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Simon
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Re: Zukunfts-Thread XV

from Simon on 05/01/2017 01:40 AM

Ich bemerkte kaum, wie die Lichter rund um unser Büro ausgegangen waren, Stück für Stück, Lampe für Lampe, wie Kerzen, die man ausgeblasen hatte. In meinem Kopf rotierten Zahlen, Anträge und Gesetzeslagen, und das seit Stunden. Und es fühlte sich gut an.
Ab dem Moment in dem ich meinen neuen Schreibtisch in Adhemars Vorzimmer bezogen hatte, hatte ich nur noch ein Ziel; arbeiten. Und das tat ich. Die poltisichen Entwicklungen überschlugen sich und Tag für Tag wurden die Angelegenheiten heißer, brenzliger, dringender. Es war nicht der erste Abend, den ich hier verbrachte, aber seitdem Brianna zu Willow gezogen war, war mein schlechtes Gewissen, erst spät nach Hause zu kommen, so gut wie verschwunden.

Es war beinahe gekippt, heute Nachmitag. Ich hatte da gesessen und auf die Uhr gestarrt, deren Sekundenzeiger unaufhörlich seine Runden drehte, Tic-Tac-Tic-Tac, bis ich dachte, er würde mich wahnsinnig machen. Da war ein Fleck auf meinem Schreibtisch, einer, der jedem Kalkreiniger trotzte und jedes Mal, wenn ich beim Schreiben mit dem Ärmel daran kam, zuckte ich zusammen. Die Bücher im Regal an der Wand passten nicht zueinander, aber ich hatte keine Zeit, sie umzusortieren - meine Hände waren wund, von all dem Desinfektionsmittel, das ich verbrauchte, seitdem ich im neuen Büro war.
Es war einer dieser Momente gewesen, in denen ich das Bedürfnis hatte, aufzustehen und zu schreien. Meine Hände zitterten und mein Puls stieg und ich wusste, jeden Moment würde Kay zurückkehren und sehen, dass ich in der letzten viertel Stunde rein gar nichts geschafft hatte, abgesehen davon, die Uhr anzustarren -
Nur noch dieses eine Mal, hatte ich gedacht, als ich die kleine, orange Dose aus meiner Aktentasche gezogen hatte, Willow köpft dich sonst.

Seit das Ritalin meine Gedanken fokussierte, war ich wie im Rausch. Ein Adrenalinstoß jagte den nächsten, je mehr ich merkte, wie gut mir das Arbeiten gelang, fernab von all den störenden Reizen - heute Nacht würde übel werden, aber das zählte nicht. Die Anträge, die Adhemar morgen früh auf dem Tisch haben würde, wären alle formvollendet und abgeschlossen. 

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Adhemar
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Re: Zukunfts-Thread XV

from Adhemar on 05/04/2017 12:40 AM

Die Lichter wurden gelöscht. 
Nach all den Jahren in diesem riesigen Bau merkte ich das noch. Und wie jedes Mal war da diese leise Stimme in meinem Kopf, die sagte: Geh nach Hause, Addy. Sie warten. - Es war ein Reflex. Aber er war immer da. Sommer wie Winters, selbst diese Jahre später noch. Langsam und sehr bedacht fuhr ich mir über das müde Gesicht und lehnte mich hinter meinem Schreibtisch zurück. Hatte ich dieses Bollwerk von Teakholz eigentlich jemals komplett leer gesehen? Einlagen über Schnitzereien über Prägungen und das Ding war Tags und Nachts zu bersten beladen. Manchmal bekam ich wirklich einen kurzen Hass darauf. 
Mein Blick huschte zu dem Bild neben den Papieren und ich musste Lächeln.
Wahrscheinlich war es krank es noch immer hier stehen zu haben. Wahrscheinlich zerrissen sich einige das Maul darüber.

Seufzend erhob ich mich und wischte diese Gedanken fort. Es nutzte doch alles nichts; sie war wieder verheiratet und da sich Richard bisher nicht gemeldet hatte wohl auch glücklich. Es machte auch mich glücklich das zu wissen.... irgendwo. Irgendwie. Sie hatte es verdient... und ich brauchte dringend einen Kaffee sonst würde aus dem Treffen mit den Muggelministern morgen früh nichts.
Als ich mein Vorzimmer betrat war ich kurz davor zu lachen, aber ich verbat es mir. Simon arbeitete wie eine Maschine manchmal, woher auch immer er das nahm. Die meiste Zeit war er so kontrolliert, dass selbst die Fliege an der Wand im Rhythmus surren musste um ihn zufrieden zu stellen, im nächsten Moment routierte er einfach. Seit er und Kay hier oben waren war das Leben um einiges leichter geworden. Immer noch waren die Tage lang, aber ich war diesen beiden Menschen dankbar, so dankbar. 

Um ihn nicht zu stören ging ich einfach um ihn herum in die kleine Küche, brühte mir einen Kaffee und ihm gleich mit. Aber ich war nicht dumm genug die Tasse auf seinen Schreibtisch zu stellen, stattdessen lehnte ich mich in die Tür und nippte während ich mir die Krawatte lockerte.

Erst da fiel mir das orange Döschen auf, das neben seiner akurat aufgestellten Aktentasche lag.
Sofort versteifte sich meine Haltung. Fixierte ich Simon, der noch immer arbeitete. Und ging um es aufzuheben und einzustecken.
"Es ist zwei Uhr nachts, Simon. Und Sie rackern als wäre es früher Mittag.", ließ ich endlich hören und suchte seinen Blick. "Kommen Sie mal mit, ich habe Kaffee für Sie."
Mit diesen Worten verschwand ich im Büro und ließ mich in die schwere Sitzgruppe fallen. Die Zwischentür ließ ich offen. Mein Kopf war einfach voll. Kein Platz mehr für Akten. Und das Döschen machte es nicht besser. Als er endlich herein kam stand ich schon wieder und zog den Cognac aus einem Schrank. "Trinken Sie?"

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Simon
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Re: Zukunfts-Thread XV

from Simon on 05/05/2017 05:42 PM

Die Sache mit dem Nicht-Nachdenken war, dass sie einem erst auffiel, wenn man wieder nachdachte. 
Als Adhemars Stimme neben mir erklang, holte sie mich von so weit fort, dass ich erschrocken zusammenzuckte und ein paar Sekunden brauchte, um mich zu orientieren. Der Fokus, der bis eben noch zu hundert Prozent auf den Akten vor mir gelegen hatte, verschob sich, mein eigener Herzschlag wurde wieder lauter und ich brauchte kurz, um mich zu erinnern, was seine Worte bedeuteten.
Und da war keine Welle von Impulsen, die mich überrollte. Das Gefühl, für ein paar Stunden einen klaren Kopf zu haben, eine innere Ruhe, ohne das nervöse Ticken in meinem Hinterkopf, war so überwältigend, dass ich es mit jedem Atemzug aufsog wie inhaliertes Glück. So unfassbares Glück, dass es mich nicht einmal störte, dass ich unheimlich lange brauchte, um Adhemars Anliegen zu begreifen. 
Es ist zwei Uhr nachts.
Mein Blick wanderte zur Uhr und erneut verschob sich alles auf die Zeiger - Zwei Uhr nachts, hallte es in mir nach, Zwei Uhr nachts.
Alles in mir glättete sich und ich hatte über die Erkenntnis der Uhrzeit Adhemar beinahe wieder vergessen, als er mich auf einen Kaffee einlud und ohne abzuwarten in seinem Büro verschwand. Ich blieb für einen kurzen Moment sitzen, schloss die Augen und atmete, ein - aus - ein - aus - nichts weiter. Diese Stille in meinem Kopf tat gut, so gut, dass ich mich zusammenreißen musste, mich zu erheben und ihm langsam in sein Büro zu folgen, mit nichts als meinem eigenen Herzschlag und abgeschirmt mit einem Tunnelblick, der immer nur eine Sache auf einmal in meinen Kopf ließ. 
In diesem Fall war es der Cognac.
"Nein, danke", erwiderte ich auf seine Frage. Nicht, wenn die Medikamente noch wirkten. Die Wechselwirkungen waren so schlecht einzuschätzen, dass ich inzwischen fast völlig die Finger vom Alkohol ließ. Stattdessen griff ich nach der dampfenden Kaffeetasse, die auf dem kleinen Beistelltisch stand, und ließ mich nieder. "Danke", wiederholte ich mit einem leichten Lächeln und nahm einen Schluck - dann beobachtete ich ihn dabei, wie er sich Alkohol eingoss. Aus irgendeinem Grund beunruhigte mich sein Gesichtsausdruck.
"Die Unterlagen bezüglich der Rechtsfragen sind so gut wie fertig", erwähnte ich beiläufig, "Sie werden hilfreich sein, morgen früh."
Sein Treffen mit den Muggelministern war ein Event, auf das Kay und ich seit Wochen hinarbeiteten, aber in ihrem hochschwangeren Zustand konnte ich nicht mehr lange auf ihre Unterstützung zählen. Egal, wie viele persönliche Probleme wir hatten, im Büro war sie mindestens so begabt wie ich. Die Monate ihres Mutterschutzes waren die, die ich anpeilte, um mir einen Vorsprung zu verschaffen.
Dass ich hier in Adhemars Büro saß, hatte jedoch andere Gründe. Zu dem idealisierten Vorbild, das er nach wie vor für mich war, war in den letzten Wochen eine Sympathie dazu gekommen, ein ehrliches Bemühen um ein gutes Verhältnis. 
"Ich hoffe, alles ist zu Ihrer Zufriedenheit", fügte ich noch hinzu und musterte ihn abwartend. Vielleicht war ich zu nachlässig gewesen, die letzten Tage.

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Adhemar
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Re: Zukunfts-Thread XV

from Adhemar on 05/06/2017 01:55 AM

Völlig durch den Wind. So würde ich beschreiben wie Simon sich verhielt, obwohl es auf die meisten Menschen hier oben sicher ausnahmsweise einmal normal wirkte. Hier oben war jeder hastig, tüchtig, konzentriert. Nie stand irgendetwas still. Außer abends. Nachts. Vereinzelte Schritte vielleicht, ein bisschen Geklapper. Aber wenn ich nachts die Türen offen ließ konnte ich sogar von meinem Büro aus die Kaffeemaschine zwei Räume weiter blubbern hören während die kochte. Wusste eigentlich irgendein Menschen wie angenehm und wohltuend dieses Geräusch war? 

Leise murmelte ich etwas und die Fenster öffnete sich. Wenn man schon im Genuss von Fenstern war im Ministerium, dann sollte man sie auch nutzen. Endlich frische Luft. Und Platz um mich einfach einmal hinzusetzen und einen Cognac zu trinken. Und das tat ich, ließ mich auf eins der Sofas fallen und schlug die Beine übereinander. Selbst die sonst so gerade Haltung legte ich ab und kuschelte meinen Rücken fast schon in die Polster. 
"Ja, ja, das ist es.", bestätigte ich Simon und schenkte ihm ein Lächeln. "Sie hier rauf zu holen war die beste Entscheidung. Sie und Kay haben das Unmögliche geschafft, Simon. So schnell wie nicht einmal ich es gekonnt hätte."
Sehr langsam stellte ich den Cognacschwenker auf dem Tisch zwischen uns ab und tippte nachdenklich mit den Fingern auf meinem Bein herum, unschlüssig ob es klug war anzusprechen was ich vermutete. Dann erhob ich mich plötzlich, ging zum Schreibtisch und schloss eine der Schubladen auf um ihr etwas zu entnehmen, das sich als kleine, blaue Medikamenten-Dose entpuppte, die ich auf den Tisch zwischen uns stellte.

Mirtazapin. - Seit Jahren die einzige Gewissheit, dass ich eine Nacht lang durchschlafen würde. Ohne urplötzlich schweißgebadet aufzuwachen. Ohne zu träumen. Ohne mich am Morgen noch müder zu fühlen als am Abend. Mein bester Freund. 
Aber auch vor Freunden sollte man sich hüten. Und manche brauchte man erst weil man die falschen Freunde gehabt hatte.
"Es... geht Sie nichts an. Das denken Sie doch jetzt sicher.", sagte ich müde und lachte leise. Aber ich nickte. Da hatte er vollkommen Recht. Es ging mich nichts an, aber ich spielte nicht gern unfair. Und  Sorgen durfte man sich machen, Sorgen um Kollegen die einen die meiste Zeit begleiteten. Die einem irgendwo langsam doch etwas bedeuteten. Ich war ein Feigling, eigentlich wollte ich doch gar nicht wissen, was in dieser Dose war... deswegen doch das Spiel, oder?
Sehr bedacht zog ich Simons oranges Döschen aus der Tasche und stellte es zu meinem. Schweigend lehnte ich mich wieder zurück. Wie diese chemischen Keulen zwischen uns standen war das schwummrige Licht im Zimmer plötzlich unangenehm.

"Es geht auch mich nichts an, Simon. Und ich werde nicht nachlesen was darin ist, wenn Sie es nicht wollen.", sagte ich schließlich und seufzte sehr sehr schwer. "Aber wenn Sie es wollen, dann will ich fair sein und auf Augenhöhe mit Ihnen sprechen. Denn dann müssen wir sprechen. Noch kann ich so tun als wären eseinfach kreativ verpackte Smarties..."
Meine Stimme hatte etwas Bittendes, nur in welche Richtung? Es zu verlügen oder es uns zu offenbaren. Es hing viel daran. An der Lüge hing die Ungewissheit, die Vermutungen, die Unsicherheit, das getünchte Vertrauen. An der Offenbarung all die Fragen und die Dinge über die man nicht sprach. So oder so würde ich hier nicht der Oberlehrer werden.
Ich versuchte mich an einem offenen Lächeln.
"Ganz oder gar nicht, hm?", flüsterte ich in die Stille.

 

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Simon
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Re: Zukunfts-Thread XV

from Simon on 05/06/2017 03:27 PM

Die kühle, nächtliche Brise, die Adhemar durchs Fenster ließ, strich durch mein Gesicht und erneut schloss ich für ein paar Sekunden die Augen - es war jedes Mal eine Wohltat nach einem langen Arbeitstag aus dem unterirdischen Bunker herauszukommen und nicht viele kamen in den Genuss eines Fensters, wie in diesem Büro. 
Ich fühlte mich nicht müde. Wenn das Ritalin erst wirkte setzte bei mir das Gefühl ein, Ewigkeiten weiterarbeiten zu können, und selbst wenn die Eindrücke zurückkehrten verhinderte es meistens noch Stunden, dass ich einschlafen konnte. Heute würde einer dieser Nächte werden, darin war ich mir sicher; aber ich würde dabei das Gefühl haben, die Arbeit im Büro erledigt zu haben. So wütend wie es mich machte, dass mich die Gewissheit, noch eine unbearbeitete Mappe auf dem Schreibtisch liegen zu haben, genau so vom Schlafen abhielt wie die Medikamente - ich konnte es nicht abstellen und ich hatte das Gefühl, es wurde von Woche zu Woche schlimmer. 
Aber es lohnte sich. Adhemars Lob bestätigte mir, dass die Arbeit, die ich tat, eine gute war. Das hier war alles, worauf ich hingearbeitet hatte, und jetzt wo ich hier saß, mit dem Kaffee in der Hand und einem Zaubereiminister vor mir, der sich ins Sofa sinken ließ, als wären wir bloß gute Freunde, veranlasste mich dazu, mich ebenfalls zu entspannen. Der Geruch des Kaffees zog in meine Nase und die Stille in meinem Kopf füllte den Raum mit Ruhe. Wir schwiegen eine Weile und mir fiel erst auf, dass Adhemar etwas beschäftigte, als er sich aufrichtete und zu seinem Schreibtisch ging. Zuvor hatte ich mich in dem Geräusch der leise tickenden Wanduhr verloren, das so wunderbar simpel durch meinen Kopf rann, dass es Glücksgefühle in mir auslöste.

Plötzlich stand da diese kleine Dose zwischen uns auf dem Tisch. Sie war blau und ihr Inhalt nicht erkenntlich, aber ich wusste, wozu man solche Dosen benutzte. Meine Finger schlossen sich fester um die Tasse, als er begann, zu sprechen, und ich brauchte lange, um zu verstehen, worauf das hier hinauslaufen würde. 
Es geht Sie nichts an.
Sein Satz hing noch immer in meinem Kopf, als er eine zweite Dose dazustellte - ich musste nicht mehr meine Aktentasche kontrollieren, um zu wissen, dass es meine Medikamente waren, die darin lagen. 
Es geht Sie nichts an.
Ich schaute ihn nicht an, während er weitersprach, stattdessen starrte ich auf die beiden Dosen und klammerte mich an die Kaffeetasse. Wieso hatte ich nicht besser aufgepasst. Willow hätte sie verstecken sollen, wie immer. 
Ich verstand nicht, was er erwartete. Seine Tabletten waren vermutlich nicht anders als meine, ein Mittel, um das hier durchzustehen, um weiterzumachen - aber er würde es trotzdem nicht verstehen, darin war ich mir sicher. Mein Herzschlag dröhnte in meinem Kopf, während ich nach den richtigen Worten suchte, ohne sie zu finden.
Inzwischen stand ich eine Dreiviertelstunde früher auf, um morgens alles so vorzubereiten, dass ich die Wohnung mit einem guten Gefühl verlassen konnte. Zuerst 10 Minuten, um die Haustür sicher abzuschließen, dann 20, um alle Gas-Anschlüsse und Lichtschalter zu kontrollieren, dann 25, um die Hände zu waschen. Inzwischen fing ich danach wieder von vorne an, und es machte mich wahnsinnig, aber ich konnte es nicht abstellen. Das würde ich nie. 

Ganz oder gar nicht. Ich war überfordert, mit dieser Situation, mit der direkten Konfrontation, mit der Stille in meinem Kopf, und mit dem Gefühl, die Kontrolle über die Situation zu verlieren. In dieser Sekunde entglitt mir alles, meine Logik, meine Fähigkeit, zu sprechen, und noch weiter zu denken. Da war nur noch mein Herzschlag und die Frage, die mich seit Jahren verfolgte.
Wann wird es so schlimm, dass du nicht weitermachen kannst? 
"Es ist nichts", brachte ich mühsam hervor, aber die Panik kreiselte weiter in meinem Hinterkopf - du kannst sie nicht gewinnen lassen, die verdammten Ticks. Nie. Das hast du dir geschworen. "Nichts, was meine Arbeit beeinflusst", sprach ich weiter, wie gelähmt. Ritalin war illegal. Aber wenn nur einer wüsste, wie bitter ich es brauchte, nicht, um gegen die Mit-Studenten zu gewinnen, in den Tests, sondern, um an den Tests überhaupt erst teilnehmen zu können - wenn irgendeiner das verstehen könnte, dann würden sie nichts dagegen sagen. Auf einmal hatte ich Angst. Angst davor, meinen Namen jetzt zu verlieren, wo ich so kurz vorm Ziel stand. Angst davor, dass alles zusammen brechen würde, wofür ich in den letzten Jahren gearbeitet hatte, davor, dass es seinen Wert verlieren würde, weil ich es nicht ohne Hilfe geschafft hatte, die die Welt als Betrug ansehen würde.
"Denken Sie nicht...", begann ich einen Satz, aber ich schaffte es nicht, ihn zu beenden - "Bitte nicht, dass..." - mir wurde schwindelig. Und mein Puls stieg immer mehr in die Höhe.

Reply Edited on 05/06/2017 03:30 PM.

Adhemar
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Re: Zukunfts-Thread XV

from Adhemar on 05/10/2017 11:27 PM

Ich hatte mir doch vorgenommen feige zu sein wie immer. Sein Nein zu akzeptieren, wenn er es aussprach. Meine Dose zu nehmen, ihn seine nehmen zu lassen und diese ganze furchtbare Situation hier war vergessen und nie geschehen. Mich nicht der Tatsache zu stellen, dass ich als Vorgesetzter verantwortlich war. Als Mitbürger verpflichtet. Als... Bekannter oder was auch immer für eine Grauzone wir darstellten... besorgt. Mich nicht daran zu erinnern wie mein Abteilungsleiter mir klammheimlich meine ersten Pillen in die Schublade gesteckt hatte. Und wie lange ich mit den Fingern auf die Tischplatte getrommelt hatte bevor ich sie nahm.
Es gab Gründe warum Simon und ich diese Pillen nahmen. Jeder hatte seine eigenen Dämonen. Dass Simon Dämonen plagten... stand dabei völlig außer Frage.
Und doch war das was er sagte zu sehr das, was ich gesagt hatte. Zu sehr das, was mein Sohn sagte, wenn ich ihn auf gewisse Dinge ansprach.

Die Müdigkeit mit der ich mich vorlehnte, die Arme auf den Beinen ablegte und mir über das schwere Gesicht strich war nicht allein der Anstrengung geschuldet. Es war.... undefinierbar für mich. Und ich konnte nur mit dem Kopf schütteln und bremsend die Hand in Simons Richtung heben.
"Ich sage Ihnen, was ich denke, Simon, das ist nur gerecht.", drang es mir über die Lippen, aber ich wusste nicht genau ob es auch gut zu hören war. Zu sehr hatte ich dieses Bild im Kopf, diesen frühen Morgen an dem ich aufgewacht war, die Stirn zerdrückt von meinem Schreibtisch und hinter verwirrtem Blinzeln erkannte wie Simon sich schnell von einem Stuhl erhob um ein wenig verpeilt so zu tun als käme er gerade erst herein. Wie lange hatte er wohl da gesessen? Und warum? Um zu warten? War es nicht sinnvoller wieder hinaus zu gehen und so der Peinlichkeit zu entgehen den Minister schlafend zu finden? Aber das hatte er nicht getan. Simon Campell hatte sich zu mir in dieses Büro gesetzt... und gewartet. Und auf seltsame Weise fühlte sich der frühe Morgen durch diese Vorstellung nur noch halb so trostlos an. "Ich denke, Sie sind ein grandioser Mensch. Ein Mann, der vielleicht denkt er wäre schräg.... ja, gut, das mag sein... aber Sie überraschen mich zu oft, fachlich und menschlich, um so zu tun als wären diese.... Eigenheiten wirklich wichtig."

Ich redete nicht nur mich sondern auch ihn gerade um Kopf und Kragen; so sollten Boss und Assistent nicht miteinander reden, aber als mir das klar wurde waren die Worte schon hinaus. Wütend über mich selbst schloss ich die Augen und senkte den Kopf um mich einen Moment zu sammeln. Dann erhob ich mich um mir ein weiteres Glas Cognac einzuschenken..... aber ungetrunken einfach in den Schrank zu stellen. 
"Verzeihen Sie mir, das war unprofessionell.", ging ich mit mir ins Gericht ohne mich umzudrehen. Ich hatte keinerlei Recht Simon derart zu beeinflussen, ich hatte keinen Schimmer von dem was er durch machte, vielleicht, vielleicht auch nicht, aber das machte mich verrückt. "Sie..... sollten..... verdammt nochmal, Campell...."
Mit wem redete ich hier eigentlich? Mit ihm oder mit mir? Und war ich wirklich so egoistisch ihm nicht einmal den Rückzug zu lassen?

Stillschweigend und noch immer mit dem Rücken zu ihm stand ich am Schrank und blieb auch dort. Genau wie die Dosen auf dem Tisch. Merkte nur, wie meine Finger nervös mit dem Glas vor mir spielten. Aber ich würde mich nicht umdrehen. Nicht bevor er gegangen war oder... passierte was passieren sollte.

Gott.... was mussten wir für ein Bild abgeben? 

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Simon
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Re: Zukunfts-Thread XV

from Simon on 05/21/2017 10:55 PM

Ich war froh, als er mir die Worte abnahm, gleichzeitig fürchtete ich, was er sagen würde. Wenn er längst wusste, was sich in der Dose befand, wenn ihm bewusst war, dass ein einziges Wort all meine geschriebenen Klausuren und Facharbeiten ungültig machen könnte - dann sah ich keinen Grund, wieso er dieses Wissen nicht ausspielen sollte.
Natürlich hatte ich angefangen, um zu betrügen. Aber das war längst vorbei, seit vielen, vielen Jahren, um genau zu sein, seitdem ich das erste Mal gespürt hatte, was für ein berauschendes Gefühl es war, einen leeren Kopf zu haben. Das hier hatte nichts mehr mit dem Willen zu tun, besser zu sein - ich wollte nur die selben Chancen haben, wie alle anderen.
Adhemar sah müde aus und seine Geste, sich vorzulehnen, ließ mich noch weiter im Sitz zurückrutschen - es war eine Geste der Nähe, der Zuwendung, und ich rückte im Kopf mit jedem Wort weiter zurück. Manchmal fragte ich mich, was es war, das ihn an mich glauben ließ. Im Grunde hatte ich nicht viel getan, bisher - nur existiert und gearbeitet. Es ehrte mich unheimlich, jedes Mal, aber gleichzeitig verunsicherte es mich auf eine seltsame Art und Weise. 
Ich atmete aus, als er die Tabletten zu unwichtigen Eigenheiten erklärte. Und gleichzeitig schloss ich die Augen, für wenige Sekunden - irgendetwas in mir zuckte zusammen. Es war so wichtig, dass er das hier sagte, wichtig für mich, wichtig für meine Karriere; und doch bestätigte mir seine Aussage, dass es nicht wichtig war. Dass da nichts war, was ernsthaft und besorgniserregend war, es war nur mein eigener Kopf, und meine Fähigkeit, mich in die Dinge reinzusteigern. Nichts, was mir das Recht gab, nach Hilfe zu fragen. Nur mein eigener, verdammter, Kopf. 
"Nein", erwiderte ich auf seine Entschuldigung, er sollte sich nicht entschuldigen, er rettete mir und meiner Karriere gerade den Hals - das hatte ich nicht verdient, und das wusste ich. 
Sie sollten...
Sein Ausruf erschreckte mich und ich wusste nicht, wie ich seine Gestik einordnen sollte. Er drehte sich fort und blieb am Schrank stehen - war er wütend.
"Es tut mir Leid, S- ..." Ich unterbrach mich und erhob mich, griff nach meiner Tablettendose und ließ sie in meiner Hosentasche verschwinden, "Es kommt n-nicht wieder vor."
Er sah mich immer noch nicht an. Mein Herzschlag schwoll an und plötzlich kamen sie wieder, all die Eindrücke, die meinen Kopf zu überschwemmen drohten, da war das eine Buch in seinem Schrank, das herausgerutscht war, der Tintenfleck auf der Schreibtischunterlage und der kleine Tropfen Kaffee, der auf meinem Ärmel gelandet war - 
"Es tut mir Leid", wiederholte ich und drehte mich ab, um dem Drang in mir nachzukommen, zu laufen; ehe ich mich versah war ich zurück in meinem Büro, griff nach meiner Aktentasche und stieß an meinen Schreibtisch - prasselnd ergossen sich Massen von Stiften aus meinem Stiftehalter und ihm folgten unzählige Mappen und Pergamente, die in einem riesigen, wirbelnden Haufen meinen Kopf zersprengten; es war nicht so schlimm, wie es sich anfühlte, das war es nie, aber das machte nichts besser.
Ich war wütend. So wütend auf mich selber und das Zittern in meiner Hand, dass ich ausholte, um die restlichen Dinge auf meinem Schreibtisch ebenfalls herunterzustoßen - Es macht dir nichts aus, verdammt - mein Arm schnellte herunter und die Blätter vermengten sich zu einem Vulkan aus Impulsen, der in meinen Gedanken ausbrach, heiße, glühende Funken aus Reizen prickelten in meinem Nacken und vor meinen Augen; ich konnte mich nicht mehr bewegen. 
Alles, was ich tat, war dazustehen, die Aktentasche in meiner verkrampften Hand, und die andere bebend in meinem Gesicht. Ich schloss die Augen.
Atmen. 
Aber ich hatte die Kontrolle verloren, endgültig. Und das vor ihm. Schlimmer hätte es nicht kommen können.

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Adhemar
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Re: Zukunfts-Thread XV

from Adhemar on 05/23/2017 10:54 AM

Als Simon den Raum verließ wäre ich am liebsten einfach auf die Couch gefallen und in tiefen Schlaf versunken. Nach Stunden um Stunden, zumeist mitten in der Nacht, nach Tagen ohne richtigen Schlaf, Tagen voller Kaffee und noch mehr Kaffee - schlug die Erschöpfung gern zu wie ein Vorschlaghammer. Und niemals zum richtigen Zeitpunkt. 
Denn sobald die Tür so zitternd wie Campells Stimme ins Schloss fiel wusste ich, dass es nicht richtig gewesen war ihn so gehen zu lassen. Dieser Mann lebte für seine Arbeit, für das was er schaffte und erreichte. War stolz darauf und bei Gott, das durfte er sein. Ganz gleich woher der Antrieb dazu rührte, das Können konnte einem keine Pille der Welt schenken, das Können war in seinem Kopf. Er nahm sich nur eben eine Starthilfe, einen Beimotor, der nicht gerade.... beruhigend war.  

In meinem Vorzimmer rauschte es plötzlich als wäre ein Schwarm Vögel aufgeflogen. Besorgt zischte mein Blick zur Tür. Er war so überhastet hinaus geeilt, dass ich fürchten musst..
Mit wenigen, schnellen Schritten war ich an der Tür, zog sie auf... und blieb einfach stehen.
Zwischen seinen Papieren kreuz und quer verteilt, Stiften, Mappen, Ordnern; mitten in diesem selbst geschaffenen Chaos stand er wie der Sucher in der Wüste. Verloren in einer Welt, die er doch so sehr beherrschen wollte. Oder zumindest darin zurecht kommen. Wenigstens das. Diesen Zustand kannte ich nur zu gut, nur hatte mich bis heute niemand darin gesehen. Ich mochte den genauen medizinischen Begriff für das was ihn plagte nicht kennen, aber das war auch nicht wichtig, ich hatte es gesehen. Damals schon auf dem Schreibtisch neben mir. Die meisten sagten er wäre nicht ganz richtig. Ich für meinen Teil hatte ihn genau deswegen hierher geholt. 

Gut sein in dem was man tat konnte jeder mit ein bisschen Talent.
Grandios zu sein, trotz der Widernisse, war eine Herausforderung die nicht jeder bewältigte. 

Ohne ein Wort trat ich aus der Tür und begann ganz ruhig damit die umher liegenden Blätter, Akten, Gegenstände aufzuheben; sie möglichst so auf seinem Tisch zu platzieren, wie ich es mir eingeprägt hatte, wie er es für gewöhnlich hielt. Die Stifte in ihrer Reihenfolge, die Unterlagen Kante an Kante. Versuchte nicht ihn mit irgendwelchen Worten zu beruhigen oder irgendwelche Relativierungen in den Raum zu werfen, die doch nicht im Mindesten erfasst hätten was hier gerade passierte. Es tat verdammt weh. Sich seine Schwächen einzugestehen. Als hätten die Ketten, die man immer um sein Inneres spürte sich mit einem Ruck zusammen gezogen. Panik kontrollierte einen Mann in diesem Moment. Man brauchte seinen Platz. Man brauchte seine Ruhe um sich klar zu machen, dass man noch lebte und das alles nicht ein einziger, großer Albtraum war.

Mit großer Genauigkeit richtete ich mit einem letzten, prüfenden Blick Simons Arbeitsplatz nach den Regeln die ich in ihm erkannt hatte und sah mit einem sanften Lächeln auf dieses ausgefeilte Konstrukt hinab.  
no_mistake.gif
Das war alles was ich sagte. Alles was ich sagen konnte, wollte, sollte. Das Einzige das richtig war. 
Und ich sagte es mit der ganzen warmen Ehrlichkeit mit der ich daran glaubte. Warum auch immer er diese Pillen nahm, was genau sie bewirken mochten, sie waren doch nur das Symptom einer Angst. Einer Angst etwas nicht zu sein was man sein wollte; nicht zu schaffen was von einem erwartet wurde. Ich war sicher nicht der weiseste Mann der Welt - ganz gewiss nicht - aber mit diesem Zustand zumindest kannte ich mich bestens aus... 

Reply Edited on 05/23/2017 10:55 AM.
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